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10.08.2009 10:51 Uhr | Feyrun | 2194 Aufrufe 0 like 0 flame
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It´s a Gamers Life - Lebenshilfe




Wieder zurück in der Schule strengte sich der ehemals eher desinteressierte Schüler an, um ein möglichst erfolgreiches Abitur zu erlangen. "Es kamen mehrere Sachen zueinander. Zum einen wollte ich Informatik studieren und dafür brauchte ich einen guten Abschluß. Zum anderen war ich aber nach meiner Rückkehr in die Schule irgendwie ein Außenseiter. Klar, alle wollten wissen, was passiert ist und waren höflich und nett zu mir. Mit mir etwas unternehmen, wollte aber keiner etwas. Wenn man nur von mitleidigen Blicken seiner Mitschüler umgeben ist, stürzt man sich lieber in die Schularbeit, als sich dem auszusetzen und immer wieder erinnert zu werden."

Drei Jahre später hatte er sein Ziel und eine Abitur-Durchschnittsnote von 1,5 erreicht. "Das hat unglaublich viel Selbstvertrauen und Hoffnung für die Zukunft geschaffen. An dem Tag, als ich mein Abi-Zeugnis bekommen habe, hab ich gedacht, ich kann wirklich alles erreichen und mein Leben wird wieder gut."

Der mittlerweile 21 jährige war aus der Wohnung seiner Eltern im dritten Stock bereits ein Jahr zuvor ausgezogen, als im Nachbarhaus die Erdgeschosswohnung frei geworden war und der Vermieter den behindertengerechten Zugang zu Haus und Wohnung bereit stellte.
"Ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern mir alles abnahmen. Ich war hilflos, gerade weil man mir so viel Hilfe zukommen ließ. Ich weiß, dass es meinen Eltern weh getan hat, als ich sagte, dass ich in meine eigene Wohnung ziehen wollte, aber ich wußte, dass dies der einzig richtige Schritt für mich sein würde, um wieder mein eigenes Leben führen zu können. In der Wohnung meiner Eltern war ich ein Pflegefall. In meiner eigenen Wohnung war ich endlich wieder ein Mensch - ein Mensch mit einer Herausforderung."

Universität Bremen - Ein Traum wird wahr

Arrow  Universität Bremen - Ein Traum wird wahr

Auch seine Studienpläne sollten bereits bald in Erfüllung gehen und im Rahmen seines Studiums lernte er bald seine Kommilitonin Andrea kennen und lieben.
"Ich weiß nicht, ob man sich das als Nicht-Betroffener vorstellen kann, wie man als Rollstuhlfahrer angesehen wird. Eine Mischung aus Peinlichkeit und Mitleid schwingt da in jedem Blick mit und das tut, besonders bei Frauen, für die man sich interessiert, besonders weh. Andrea hat mich niemals als Behinderten angesehen. Für sie war ich einfach ein Mann, der zufällig im Rollstuhl saß. Ihre Liebe hat mir soviel Kraft und Stärke gegeben, ohne die ich vieles wohl nicht überstanden hätte."

Als im Jahr 2005 seine Mutter an Lungenkrebs verstirbt, steht ihm seine Freundin bei. "Ohne Andrea hätte ich das alles nicht geschafft. Es war furchtbar. Die offizielle Diagnose war zwar Lungenkrebs gewesen, aber seit Markus Tod bei unserem Unfall, war meine Mutter Tag für Tag ein Stück mehr gestorben. Damals habe ich mir Vorwürfe gemacht, weil ich in meine eigene Wohnung gezogen bin und meiner Mutter so ihren letzten Lebenszweck, dem sie sich verschrieben hatte, genommen habe. Andrea hat mir geholfen, diese Schuldgefühle zu verarbeiten und zu verstehen, dass ich nur für mein eigenes Leben verantwortlich sein kann."

Anfang 2006 heiraten die gebürtige Berlinerin Andrea und Martin in einer kleinen Feier im Kreis von Andreas Eltern, einiger Kommilitonen und Freunde. Martins Vater ist bei dieser Feier schon nicht mehr zugegen.
"Nach dem Tod meiner Mutter hat mein Vater zu trinken angefangen. Als wir geheiratet haben, verließ er schon nicht mehr die Wohnung, außer er mußte mehr Alkohol kaufen."

Eine unerwartete Lebenshilfe

Arrow  Eine unerwartete Lebenshilfe

Im August 2006 kaufen sich die jungen Eheleute das Spiel "World of Warcraft". "Seit meiner Zeit im Krankenhaus habe ich viele Spiele gespielt und Andrea war auch begeisterte Spielerin. Die Idee dauerhaft mit anderen in einer virtuellen Welt zusammen zu spielen, fanden wir toll. Durch meine Querschnittlähmung sind wir nie viel gereist und haben nie viel von der Welt gesehen und die Aussicht neue Leute, die genauso Computerspiele-verrückt waren wie wir, kennen zu lernen, war unglaublich reizend."

Kaum im Spiel angekommen, merken die beiden jedoch schnell, dass sie einiges aufzuholen haben.
"Die meisten anderen Spieler auf unserem Server waren eben schon viel viel weiter als wir. In unserer ersten Gilde waren wir kleinsten Charaktere und uns wollte auch keiner helfen, weiter zu kommen. Es war in der Gilde eh total anders, als wir uns das vorgestellt haben. Es wurde kaum miteinander geredet und meistens waren nur dann viele Leute online, wenn sie sich zu irgendwelchen Groß-Instanzen mit vierzig Leuten verabredet haben. Wir sind dann auch nicht lange dort geblieben und haben dann unsere eigene Gilde aufgemacht. Dort war dann alles anders. Nur nette Leute, die sich gegenseitig helfen und miteinander jede Menge Unsinn reden."

Ein Jahr später war die Gilde auf über 150 Spieler (bzw. Charaktere) angewachsen. Andrea und Martin hatten mittlerweile bereits eine Vielzahl von Spielern nicht nur im Spiel, sondern auch im realen Leben kennengelernt und einige waren enge Freunde geworden.

"Wenn man bedenkt, dass mein bester Freund in Hessen wohnt und ich ihn wohl nie kennengelernt hätte, wenn es WoW nicht gäbe, frage ich mich immer wieder, warum Nicht-Gamer sagen, dass Computerspielen vereinsamt."


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